Armes, reiches Hamburg
JOURNAL • Februar 2010
Unter dem Motto „Hamburg – Eine Stadt für alle!“ fand im Stadtteil Wilhelmsburg Anfang Februar die erste Konferenz zur sozialen Spaltung statt. Zu Wort kamen neben Soziologen, Geografen und Sozialarbeitern auch Gesundheits-, Bildungs- und Migrationsexperten. Das Ergebnis der Veranstaltung überrascht wenig und ist doch beklemmend: Hamburg zerfällt zunehmend in Arm und Reich. Die Lebenswelten driften immer weiter auseinander.
„Sag mir deine Postleitzahl und ich sage dir, wie hoch dein Einkommen ist“, so ließe sich das Fazit von Prof. Dr. Jürgen Oßenbrügge auf den Punkt bringen. Der Wirtschaftsgeograf belegte, wie sich Spaltungstendenzen in der Hansestadt räumlich verfestigen. Während Hamburgs Osten und Süden zunehmend vom Erfolg der Stadt abgekoppelt werden, blühen weite Teile des Westens als lebendige und vielschichtige Stadtteile auf. Wohnraum in den „kreativen“ Vierteln ist begehrt, Menschen mit niedrigem Einkommen werden durch steigende Mieten und mangelnden sozialen Wohnungsbau verdrängt. Das Ergebnis ist die Transformation der Viertel: Reiche Stadtteile werden immer schöner, arme Viertel immer trister.
Indes redet sich Hamburgs Sozialsenator Dietrich Wersich (CDU) die Situation schöner als sie ist. Am Vortag der Konferenz ließ der Senator vermelden, die leicht gesunkene Armutsgefährdungsquote würde die These von der gespaltenen Stadt widerlegen. Wolfgang Rose, Landeschef von ver.di, nennt das „Zahlendreherei auf niedrigstem Niveau“ und legt dem Senator eine Qualifizierungsmaßnahme ans Herz.
Die Referenten auf dem Kongress ließen keinen Zweifel daran, dass etwas aus dem Ruder läuft in der Hansestadt. Die Bildungsexpertin Prof. Dr. Marion Panitzsch-Wiebe machte darauf aufmerksam, dass die Hälfte aller Schulabgänger mit einem Hauptschulabschluss keinen Ausbildungsplatz bekäme. Brisant auch die Konstanz auf dem Niedriglohnsektor. Wie Oßenbrügge aufzeigte, verdienen 20% der Hamburger weniger als 900€, und das nicht nur in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Auch Roland Kohsiek stellte heraus, dass sich Kontinuität an falscher Stelle zeige. Der ver.di-Mann sprach von „dramatisch stabilen Zahlen“, was das Thema Arbeitslosigkeit betrifft. Nur 12% der Erwerbslosen, die Arbeitslosengeld I beziehen, schaffen den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt. Bei Hartz-IV-Beziehern sind es sogar nur 4%, so Kohsiek. Prof. Dr. Sabine Stövesand ließ in ihrem Kurzvortrag einen angemessenen Umgang mit den Themen Armut und Protest vermissen. Wer sich wehrt, wird kriminalisiert, so ihre Beobachtung. Dahinter sieht Stövesand ein medial verzerrtes Menschenbild, das auf „Misstrauen, Unterstellungen und Nützlichkeitserwägungen“ aufgebaut sei.
Insgesamt haben die Veranstalter eine bunte Mischung aus Vorträgen und Kommentaren zusammengetragen. Ausgerichtet wurde die Konferenz von der „AG Soziales Hamburg“, die sich aus Wohlfahrtsverbänden, Stiftungen, Kirchen und Wissenschaftlern zusammensetzt. Der Andrang der Teilnehmer hat die Organisatoren selbst überrascht. Mehr als 250 Menschen fanden sich auf dem Kongress zusammen. Das selbsterklärte Ziel der Veranstaltung war es, die Spaltung der Gesellschaft zu „dokumentieren und überwinden“. Um Veränderungen anzustoßen, müssten allerdings Alternativkonzepte stärker in den Vordergrund gestellt werden – z.B. das bedingungslose Grundeinkommen. Sinnvoll wäre es auch, Referenten nicht ausschließlich aus dem Wissenschaftsspektrum zu beziehen. Gerade eine Debatte um Armut und Ausgrenzung darf nicht im akademischen Elfenbeinturm geführt werden.
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- Veröffentlicht:
- 8. Februar 2010 / 19:56
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